Zunehmende Starkregenereignisse, Hitzeperioden und Trockenphasen als Folgen des Klimawandels erfordern eine Stärkung der Resilienz von Städten und Kommunen. Das Prinzip der Schwammstadt, einer wassersensiblen Planung und Gestaltung, ist dabei integraler Bestandteil der Stadtentwicklung und kommunaler Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte.
Wesentliche Aspekte hierbei sind die Umsetzung blau-grüner Infrastrukturelemente, eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, Entsiegelung und Begrünung im öffentlichen Raum und auf Privatflächen. Die Stärkung des natürlichen Wasserkreislaufs, der Biodiversität und Hitzeresilienz gehen dabei Hand in Hand mit einer Verbesserung der Lebensqualität.
Während sich dieses Prinzip im Neubau von Stadtquartieren (z. B. Quartier Spinelli in Mannheim) oft von Beginn an, beispielsweise mit großzügigen Retentionsflächen, umsetzen lässt, ist die Transformation gewachsener Straßenräume eine weitaus größere Herausforderung. Hier kollidieren vielfältige Nutzungsansprüche mit stark begrenzten Platzverhältnissen ober- und unterirdisch.
Trotz vieler guter deutscher Beispiele, wie des Umbaus der Louise-Schroeder-Straße in Hamburg (1. Platz Deutscher Fahrradpreis 2025) oder der Hattinger Straße in Bochum, lohnt ein Blick über den Tellerrand zu unseren europäischen Nachbarn. Insbesondere Antwerpen in Belgien sticht mit dem Tuinstraten-Ansatz (Gartenstraßen) und dem neuen Zuidpark hervor.Mit dem Klimaplan 2030, der im Dezember 2020 beschlossen wurde, stützt sich die Stadt auf die zwei Pfeiler der Klimaanpassung und der Minderung von Treibhausgasemissionen. Bis 2050 möchte die Stadt dabei klimaresilient und -neutral sein. Eine Konkretisierung von Handlungsfeldern und Maßnahmen wird dabei im ergänzenden Wasserplan 2019 und Grünplan 2023vorgenommen [1,2]. In der Planung wird von einer Regenwasserkaskade ausgegangen, die vom Gebäudedach über die Gebäudeblöcke, die Straßen und letztlich zu den großen blau-grünen Strukturen der Stadt (z.B. Wasserläufe und Parks) verläuft. Je nach baulichen und städtebaulichen Typologien und Rahmenbedingungen werden dabei Maßnahmen konzipiert.
Tuinstraten
Die Tuinstraten (Gartenstraßen) werden als Instrument zur Entsiegelung und lokalen Infiltration von Regenwasser auf Quartiersebene genutzt. Sie sind dabei Teil der „Radicaal Lokaal“ (dt.: Radikal Lokal), eine der elementaren Säulen des Wasserplans. Dabei soll Niederschlagswasser in dicht besiedelten Bereichen lokal zurückgehalten, versickert und durch ergänzende Begrünung ökologische Mehrwerte geschaffen werden.

Tuinstraten sind den wasserpuffernden Straßentypen (Kategorie C im Regenwasserkaskaden-Modell, „waterbufferende straat“) zugeordnet, die mit technischen und/oder naturbasierten Lösungen dezentral eingesetzt werden. Die ausgewählten Straßen werden so umgestaltet, dass die verkehrlichen Flächenbedarfe auf ein Minimum, beispielsweise für Ver-/Entsorgung, Rettungsdienste und Bewohnende, reduziert werden.


Die Gestaltung folgt oft dem Prinzip einer niveaugleichen Fläche ohne klassische Bordsteinkanten.
Der gewonnene Raum wird für intensive Begrünung, Retentionsflächen, aktive Mobilität und Aufenthaltsflächen genutzt. Baulich sind Tuinstraten dabei v. a. durch den Einsatz von wasserdurchlässigen Pflasterungen und offenen Fugen gekennzeichnet. Neben der Wasserpufferung schaffen sie so einen autoreduzierten Straßenraum, der soziale Begegnung, Kinderspiel und Aufenthalt erleichtert und durch Verdunstungskühlung und Verschattung den urbanen Hitzeinseleffekt reduziert.
Bei der Planung werden bestimmte Kriterien geprüft, die bei einer Umgestaltung zu einer Gartenstraße zu berücksichtigen sind. Sie dürfen beispielsweise keine Route für den öffentlichen Nahverkehr oder die Feuerwehr sein, keine Hauptverkehrs- oder Fahrradachsen darstellen und sollten idealerweise Sackgassen oder reine Wohnstraßen ohne Durchgangsverkehr sein. Baulich wird die Kanalisation oft komplett erneuert (Trennung von Regen- und Schmutzwasser). Das Regenwasser wird von der Mischwasserkanalisation abgekoppelt und in Mulden, Rigolen, Wadis oder unterirdische Puffersysteme geleitet. Die Tuinstraten können auch Bestandteil kühler Routen („koele route“) sein, die Grünflächen miteinander verbinden und sicherstellen, dass vulnerable Gruppen (u.a. Kinder, Senioren) kühle Wege zu diesen Erholungsräumen haben.
Die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger ist ein zentraler Pfeiler bei der Planung und Gestaltung. Es gibt Informationsveranstaltungen, bei denen Entwürfe diskutiert werden und die Anwohnenden Ideen für die Gestaltung einbringen können (z. B. Aufenthalts- und Spielflächen, Art der Bepflanzung). Bewohner können Patenschaften für Pflanzenbeete oder Bäume übernehmen, Fassadengärten oder Regentonnen beantragen und sogar in Jurys für Gestaltungselemente sitzen.
Häufig kommen dabei auch Sorgen vor Bauschäden (feuchte Kellern) durch vermehrte Versickerung, der Verlust von Parkplätzen oder Fragen rund um Pflege und Erhaltung zur Sprache. Die Stadt begegnet diesen Aspekten durch technische Lösungen wie Grundwasserüberwachung, Impulse zur baulichen Sanierung (z.B. Abdichtung), barrierefreie Bauweisen sowie durch planerische Anpassungen zur Erhaltung von Parkraum. Zudem wird die Akzeptanz durch ein flexibles System zur Grünflächenpflege, welches kommunale Pflege (Basis-Niveau) und bürgerschaftliche Pflege kombiniert, erhöht.
Nach der Umgestaltung ist es von Vorteil, dass es in Antwerpen ca. 20 Quartiersbeauftragte bzw. Nachbarschaftsmanager gibt („Buurtregisseurs”), die in den Nachbarschaften und Quartieren zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs und direkte Ansprechpartner, z. B. bei Problemen mit Vandalismus, Lärm oder Verschmutzungen, für die Bevölkerung sind. Dadurch entstehen kurze Wege zwischen Bewohnerschaft und Stadtverwaltung und schnelle Abhilfe für kleine Probleme und Herausforderungen.
Kostenlos verwendbare weitere Fotos der Gartenstraßen gibt es unter Creative-Commons-Lizenz auf www.qimby.net.
Weitere Best Practices zeigen wir auch auf unserer Karte.
Quellen:
[1] https://www.antwerpenmorgen.be/nl/projecten/waterplan/over
[2] https://www.antwerpenmorgen.be/nl/projecten/groenplan-antwerpen/over



