An nachfrageschwachen Haltepunkten in Estland sind die Bahnsteige so ausgelegt, dass nur an einer Türe des Zuges ein- und ausgestiegen werden kann. Somit stellen zu kurze Bahnsteige nicht mehr den limitierenden Faktor der einsetzbaren Zuglänge dar, was zur Kapazitätssteigerung im Bahnverkehr beiträgt.

Eine Maßnahme zur Kapazitätssteigerung im Bahnverkehr ist der Einsatz längerer Züge. Ein häufig genanntes Argument dagegen ist der limitierende Faktor der Bahnsteiglänge, da in diesem Fall nicht alle Türen am Bahnsteig zum Halten kommen. Ist in Deutschland auch nur ein Bahnsteig auf dem Laufweg des Zuges zu kurz, kann kein längeres Fahrzeug eingesetzt werden. Vereinzelt gibt es zwar Ausnahmegenehmigungen wie beispielsweise auf der Linie RE 5 in Rheinland-Pfalz, bei der die hintersten Türen des Zuges nicht an allen Haltepunkten öffnen. Auf der Linie RE 4 in Aachen musste lange Zeit ein ganzer Zugteil vor dem Halt in Aachen-Schanz (vorletzte Station der Linie) geräumt werden, da der Bahnsteig dort nur lang genug für einen Zugteil ist. Inzwischen wurde der Halt in Aachen ankommender Züge zu bestimmten Zeiten dort sogar ganz aufgegeben. In der Gegenrichtung kann erst am Halt danach in den zweiten Zugteil eingestiegen werden.
Dass es pragmatischer geht, zeigt die estländische Bahn. Haltepunkte mit schwacher Nachfrage werden vom Infrastrukturbetreiber Eesti Raudtee nur mit kurzen Bahnsteigen ausgestattet. Der Ein- und Ausstieg ist dort nur an einer Türe möglich. Bei einem Einsatz von Doppeltraktionen kann auch nur aus einem Fahrzeug ausgestiegen werden. Natürlich müssen in diesem Fall die Reisenden informiert werden: Das staatliche Eisenbahnverkehrsunternehmen Elron, welches Stand Juli 2025 den Eisenbahnverkehr auf der Linie zwischen Tartu und Valga durchführt, kennzeichnet einerseits die Haltepunkte mit kurzen Bahnsteigen gesondert im Fahrplan und andererseits die Ein- und Ausstiegstüre im Fahrzeug. Da der Fahrplan sehr übersichtlich ist, funktioniert diese statische Information sehr gut. Möchte man diese Maßnahme auf ein Netz mit dichterem Betrieb übertragen, bietet es sich an, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen und in Apps auf die Ausstiegstüre hinzuweisen. So können sich die Fahrgäste frühzeitig auf ihren Ausstieg vorbereiten.

So ist es möglich, auch kleine Haltepunkte zu erhalten, diese barrierefrei auszubauen und deren Betrieb und Instandhaltung (beispielsweise Beleuchtung, Winterdienst) kostengünstig und bedarfsgerecht durchzuführen. Und umgekehrt limitiert der kürzeste Bahnsteig einer Strecke nicht die maximal mögliche Fahrzeuglänge.
Weitere Best Practices zeigen wir auch auf unserer Karte.
