Was macht gute Mobility Hubs aus?

U-Bahn-Station Hamburg HafenCity

Flughäfen üben oft eine gewisse Faszination aus, die man von einem Besuch des Bahnhofs Wanne-Eickel sicher nicht erwartet. Doch warum ist das so? Liegt das nur an der Größe? Daran, dass wir an Flughäfen seltener sind und unseren Aufenthalt dort mit Urlaub verbinden? Und können wir unsere Bahnhöfe so gestalten, dass wir uns gerne dort aufhalten? Verkehrsstationen (auch „Mobility Hubs“) werden zukünftig eine entscheidende Schnittstellenfunktion sowohl in einem Netzwerk nachhaltiger und umweltfreundlicher Mobilität als auch als Schnittstelle zwischen Verkehr und gesunden, lebenswerten Städten einnehmen. Wenn unsere Schienen und Straßen die Adern darstellen, ist eine Verkehrsstation gewissermaßen das Herz.

Dieser Artikel widmet sich der Gestaltung unserer Verkehrsknotenpunkte, wobei zunächst auf die Nutzer:innen und deren Bedürfnisse eingegangen wird. Anschließend werden Problempunkte aufgezeigt und schließlich Handlungsempfehlungen für einen reibungslosen Umstieg und die Verbesserung des Fahrgastflusses gegeben, welche schließlich in Anforderungen an eine attraktive Verkehrsstation münden.

Wer nutzt Bahnhöfe? 

Für die Gestaltung der Bahnhöfe ist neben den betrieblichen und funktionalen Aspekten fundamental, den Menschen mit einzubeziehen. Verkehrsstationen „leben“ von den Menschen, die sich an ihnen aufhalten. Die Fahrgäste entscheiden letztlich über die Akzeptanz. Dabei ist es hilfreich, verschiedene Nutzergruppen zu unterscheiden, da die Emotionen, die während des Aufenthalts an einem Bahnhof auftreten, stark von den Merkmalen dieser Nutzergruppen abhängen. Ältere, Jüngere, Urlauberinnen und Pendler – all diese verschiedenen Menschen tummeln sich an einer Verkehrsstation. Das Erleben einer Situation ist immer subjektiv, wird durch externe Faktoren beeinflusst, durch Zufriedenheit bewertet und kann sich über die Zeit verändern, was eine Beschreibung dessen schwierig macht [1]. Das Reiseerlebnis lässt sich grob durch drei Faktoren bestimmen [1]:

  • Zeit: das kann Wartezeit sein oder Zeit, die für bestimmte Prozesse wie Umsteigevorgänge oder den Wechsel des Verkehrsträgers (z. B. Abstellen des Fahrrads und Bahnsteig suchen) benötigt wird. Erstes Problem hierbei: Zeit kann zwar objektiv gemessen werden, für die Bestimmung des Reiseerlebnisses ist jedoch die subjektiv wahrgenommene Zeit von größerer Bedeutung. Und diese steht in Abhängigkeit zu den beiden weiteren Faktoren:
  • Umgebung: das umfasst die Architektur, Gestaltung, Beleuchtung, Temperatur, aber auch die daraus resultierende soziale Sicherheit.
  • Service: wahrgenommen als Verlässlichkeit und an die Situation der Nutzer:innen angepasste Dienstleistungen.

Ähnlich leitet die „Pyramide der Kundenbedürfnisse“ Faktoren ab, die sich in „Satisfiers“ and „Dissatisfiers“ teilen lassen, also solche, die dazu beitragen, gerne Zeit in einer Verkehrsstation zu verbringen oder Zeit bei der Nutzung einer Verkehrsstation zu sparen. Auf die „Satisfiers“ wird dabei oftmals zu wenig Wert gelegt, obwohl diese die Kundenzufriedenheit steigern können [2].

Pyramide der Kundenbedürfnisse [Eigene Darstellung nach [2]]

Customer Journey Mapping zur Beschreibung der Reisekette

Eine Reise beginnt nicht erst mit dem Einstieg in einen Zug oder ein Flugzeug. Nachstehende Abbildung zeigt die ersten Stationen einer exemplarischen Customer Journey beginnend mit der Wahl eines Reiseziels. Neben den einzelnen Stationen ist eine Bewertung der Emotionen, die die oder der Reisende verspüren, dargestellt. Das kann, sofern noch detaillierter ausgearbeitet, als Anhaltspunkt zur Verbesserung des Reiseerlebnisses dienen.

Exemplarische Customer Journey Map einer Reisekette [Eigene Darstellung]

Nachfolgend werden einzelne Stationen näher beschrieben.

Sich über Reisemöglichkeiten informieren & Tickets buchen

Nach der Zielwahl wird bewusst und unbewusst ein Verkehrsmittel für die Reise zu diesem Ziel gewählt. Eine bewusste Entscheidung wird durch Informieren oder den Austausch mit der Peer Group, der sozialen Gruppe, der sich eine Person zugehörig fühlt, getroffen. Die Zahl der unbewussten Entscheidungen („hab ich schon immer so gemacht“) sollte reduziert werden, um zu vermeiden, dass an bestimmten Verhaltensweisen unnötigerweise festgehalten wird. Hier kann auch eine externe Steuerung sinnvoll sein oder die Schaffung eines Bewusstseins für die Verkehrsmittelwahl. Natürlich müssen auch die Randbedingungen wie konkurrenzfähige Preise und Reisezeiten stimmen. Negative Erfahrungen in diesem Prozess können auftreten, wenn nicht alle Informationen leicht verfügbar sind oder Reiseoptionen nicht angeboten werden und die Planung dadurch erschwert wird. Komplizierte Buchungsprozesse verursachen ebenfalls negative Emotionen.

Zum Bahnhof kommen

Steigt die Vorfreude am Reisetag, kann eine schlechte Anbindung des Bahnhofs die positive Stimmung schon wieder zunichte machen. Verkehrsstationen sollten immer eine gute Anbindung an den öffentlichen (Stadt-)Verkehr haben und ausreichend Abstellmöglichkeiten für Fahrräder und (je nach Lage) Autos bieten. Nichts ist ärgerlicher, als wenn man seinen Zug verpasst, weil ein Anschluss im Zubringerverkehr nicht geklappt hat oder man nicht rechtzeitig einen Abstellplatz für sein Fahrrad oder Auto findet.

Zurechtfinden im Bahnhof & Zugang zum Bahnsteig

Angekommen im Bahnhof, egal ob vor der Reise, beim Umstieg oder am Zielort, muss sich der bzw. die Reisende orientieren und bekommt einen ersten, evtl. prägenden Eindruck. Wo sind die Bahnsteige zu finden? Vor dem Betreten des Bahnhofs möchten Fahrgäste ggf. noch sanitäre Einrichtungen besuchen, sich mit Essen oder Getränken eindecken oder einkaufen. Ist die Atmosphäre entspannt oder hektisch? Ist der Raum offen oder bedrückend?

Nach der ersten Orientierung und eventuellen Nutzung der Serviceeinrichtungen im Bahnhof beginnt der bzw. die Reisende sich durch den Bahnhof zum richtigen Bahnsteig zu navigieren. Hier sollte er/sie durch konsistente Wegweisung, sinnvolle und zur individuellen Reisekette passende Echtzeitinformationen und intuitive Wegführung so gut wie möglich unterstützt werden.

Warten auf dem Bahnsteig

Hier tritt eine Phase der Entspannung auf, da nun bis zum Einsteigen in den Zug keine Aktivität ausgeführt werden muss. Das Reiseerlebnis kann – neben der Wartezeit an sich – durch unschöne Atmosphäre (u. a. durch Schmutz, Dunkelheit, Enge) oder unzureichenden Wetterschutz (Kälte, Nässe, Durchzug) dennoch getrübt werden.

Einstieg

Bei der Einfahrt des Zuges tritt wieder eine gewisse Anspannung auf, da entweder der reservierte Sitzplatz zu finden ist oder, gerade im Berufsverkehr, überhaupt ein Sitzplatz zu ergattern ist. Führt man Gepäck mit sich, ist auch das eine zusätzliche Belastung, da man sich unter Umständen nicht so schnell zur richtigen Tür des Zuges bewegen kann. Umso wichtiger ist eine verlässliche Anzeige der Wagenreihung schon vor Einfahrt des Zuges.

Bei der Zugfahrt selbst entspannt sich die/der Reisende zunächst, bevor kurz vor dem Ausstieg wieder eine gewisse Anspannung auftritt, insbesondere, wenn ein Umsteigevorgang folgt.

Was sind häufige Problempunkte in Verkehrsstationen?

Fehlende Aufzüge oder Rolltreppen

Oft ist zu beobachten, dass sich nach der Ankunft eines Zuges Warteschlangen vor den Aufzügen bilden. Abhilfe schaffen können hierbei Rolltreppen in der Nähe der Aufzüge, sodass diese den Personen vorbehalten bleiben, die sie wirklich benötigen (z. B. mobilitätseingeschränkte Personen, Personen mit Kinderwagen, Fahrrad oder Gepäck).

Unterdimensionierte Zirkulationsbereiche

Zu wenig Bahnsteigfläche kann zu dichteren Ansammlungen von wartenden Fahrgästen führen, was auch ein Sicherheitsrisiko darstellen kann, sobald die Bahnsteigkante nicht mehr freigehalten wird. Abhilfe schaffen kann hier eine bessere Verteilung der Reisenden durch die Verteilung von Bahnsteigmobiliar oder Informationen über den Wagenstand. Bei Neu- oder Umplanungen sollte darauf geachtet werden, dass Zugänge zum Bahnsteig verteilt werden (ein einziger Zugang sollte vermieden werden).

Großer Andrang in Köln Hbf – auch in den Bereichen unmittelbar vor den Rolltreppen [Foto: Daniel Meurer]
Unzureichende Aufenthaltsqualität

Das Warten auf dem Bahnsteig oder an der Bushaltestelle sollte so angenehm wie möglich sein, da unzureichende Aufenthaltsqualität erheblichen Einfluss auf das subjektive Zeitempfinden und die Zufriedenheit der Reisenden hat. Fehlender Wetterschutz, kalte, zugige Bahnsteige, kühle Beleuchtung, schlecht einsehbare Bereiche (soziale Sicherheit!) sollten dabei unbedingt vermieden werden. Ein Beispiel eines Bahnsteigs mit unzureichender Aufenthaltsqualität kann der nachstehenden Abbildung entnommen werden.

Keine einladende Atmosphäre im Bahnhof Amsterdam Schiphol [Foto: Daniel Meurer]
Informationsdisplays ineffizient genutzt

Wenn zu beobachten ist, dass Reisende nach dem Ausstieg ungewöhnlich lange auf dem Bahnsteig vor Smartphone oder Aushangfahrplänen verweilen, ist davon auszugehen, dass sie zu lange für die Orientierung benötigen. Das kann ein Indiz dafür sein, dass ungenügend Information zu Anschlusszügen (nächste Abfahrt von welchem Gleis) kommuniziert sind (entweder im Zug über Durchsagen und Displays oder Apps). Wenn auf dem Bahnsteig ziellos umhergeirrt wird, fehlen klare Wegweiser.

In Amsterdam Centraal konnten lange Verweildauern nach der Ankunft des Eurostar-Zuges beobachtet werden [Foto: Daniel Meurer]
Erster Eindruck: “nicht so schön”

Der erste Eindruck zählt – das gilt auch, wenn man aus dem Zug steigt. Gut, es muss nicht gleich ein kathedralenähnlicher Bau wie in Antwerpen sein, aber auf den beiden nachstehenden Fotos lässt sich ein gewisser Verbesserungsbedarf erkennen.

Fehlende Sichtachsen

Passagiere, die in Amsterdam Schiphol auf die Bahn umsteigen wollen, haben Schwierigkeiten, wenn sie in die Bahnhofshalle des Flughafens kommen. Oder findet ihr hier auf Anhieb die Zugänge zu den Bahnsteigen?

Bahnhofshalle am Flughafen Amsterdam-Schiphol [Foto: Daniel Meurer]
Verwinkelte Zu- und Abgänge

Geräumig sollten sie sein, die Zugänge zu den Bahnsteigen. Reisende mit Gepäck sollten sie problemlos nutzen können. Gerade bei Zügen mit vielen Aussteigenden kommt es bei zu knapp bemessenen Zugängen oftmals zu Pulkbildung. Und das ist nicht nur unangenehm, sondern kann im Notfall auch zu einem sicherheitskritischen Problem werden.

Einer der Zugänge auf einem (auch von internationalen Fernzügen genutzten) Bahnsteig in Amsterdam Centraal [Foto: Daniel Meurer]

Die drei Säulen für einen reibungslosen Umstieg

Ein simples “Anschluss wartet” kann viel Stress bei umsteigenden Fahrgästen vermeiden, ausgelöst etwa durch eine Bestätigung der Busfahrer:innen über das Betriebsleitsystem [Modifizierter Screenshot aus “avvconnect”]

Im öffentlichen Verkehr liegt es in der Natur der Sache, dass es nicht nur Direktverbindungen geben kann. Daher kommt den Umstiegen eine besondere Bedeutung zu – und auch hierbei spielt die Gestaltung der Verkehrsstation eine wesentliche Rolle. Die folgenden drei Punkte sollten für einen reibungslosen Umstieg sichergestellt sein:

  • Reibungslose Verbindung, sodass sich die Fahrgäste entspannt fühlen (kurze Laufdistanzen, kurze Wartezeiten, angenehme Atmosphäre, keine Hindernisse – auch mit Gepäck),
  • ausreichende Fahrgastinformation, sodass sich die Fahrgäste sicher fühlen (intuitive Orientierung und Wegweisung, Echtzeitinformation über die gesamte Reisekette, rechtzeitige Information über Störungen und Alternativvorschläge für Reisemöglichkeiten) und
  • abgestimmte Koordination, sodass sich die Fahrgäste umsorgt fühlen (gegenseitige Bereitstellung von Informationen, bevorzugte Behandlung im Störungsfall, problemlose Umbuchung im Störungsfall).

Verbesserung des Fahrgastflusses

Der Fahrgastfluss ist bei der Dimensionierung und Umgestaltung von Verkehrsstationen von wesentlicher Bedeutung. Dabei unterscheiden sich die Laufwege von ankommenden bzw. abfahrenden und umsteigenden Fahrgästen sowie Besucher:innen. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen sich zu jedem Zeitpunkt ihres Aufenthalts schnell und einfach orientieren können. Eine klare und intuitive Wegweisung ist dabei unerlässlich.

Maßnahmen zur Verbesserung des Fahrgastflusses [EIgene Darstellung]

Die Attraktivität einer Verkehrsstation misst sich unter anderem an der Lebendigkeit des Ortes. Halten sich Reisende und Besucher:innen gerne dort auf? Auch die Mieter von Gastronomie und Handel sind an Umsatz interessiert. Reisende, die Angst haben, den Zug zu verpassen, werden nicht entspannt shoppen gehen. 

Es lassen sich folgende Ansatzpunkte für die Verbesserung des Fahrgastflusses in Verkehrsstationen festhalten.

Zug- und Türposition frühzeitig bekanntgeben

Durch dispositive Maßnahmen kommt es oftmals zu kurzfristigen Änderungen der Wagenreihung, der Bahnsteigseite oder des Bahnsteigs. Das verursacht Bewegungen von Reisenden, im schlimmsten Fall während der Einfahrt des Zuges, was zu einer verlängerten Haltezeit und Verspätungen führt. Unter Umständen vermischen sich die Ströme auch mit anderen unbeteiligten Personen in der Verkehrsstation. In den Niederlanden gibt es verschiedene Maßnahmen, um die Halteposition zu verdeutlichen, etwa über großflächige Displays über der Bahnsteigkante oder die Kennzeichnung einer „Instapzone“ (deutsch Einstiegszone) auf dem Bahnsteig. Diese dient auch der verbesserten Verteilung von Reisenden im Regionalverkehr, indem der gekennzeichnete Bereich über den Laufweg des Zuges variiert, sodass im Idealfall die Fahrgäste an jedem Bahnsteig in einen anderen Teil des Zuges einsteigen. Displays über der Bahnsteigkante ließen sich durchaus auch zur dynamischen Wegweisung oder Fahrgastinformation (z. B. Anzeige des Fahrtziels) verwenden.

Zielgerichtete Ansagen

Eine große Verkehrsstation ist laut. Durch viel Trubel läuft man Gefahr, wichtige akustische Informationen zu verpassen, vor allem, wenn diese fremdsprachig sind. In den vergangenen Jahren hat sich in der Akustik auf Bahnhöfen schon viel getan, sodass Ansagen in aller Regel verständlich sind. Verbesserungspotenzial besteht an dieser Stelle vor allem darin, akustische Mitteilungen auf das Notwendige zu beschränken und situationsabhängig zu gestalten. Vielleicht kann man hier noch von „Silent Airports“ lernen.

Verbesserte Zugzielanzeiger

Auch wenn wir immer häufiger Informationen über digitale Kanäle abrufen, ist der Zugzielanzeiger doch ein Garant dafür, auf dem richtigen Bahnsteig zu stehen. Verlässliche Informationen führen zu einem entspannten Reisegefühl. Insofern ist vor allem auf Korrektheit und Lesbarkeit zu achten. Neben dem Ziel sind vor allem Zwischenhalte und die Wagenreihung (auch im Regionalverkehr) hilfreich.

Wegweisung mit Echtzeitinformation koppeln

In Flughäfen gibt es bereits dynamische Wegweisung, die Fußwegzeiten zu Gates oder Wartezeiten an Sicherheitskontrollen inkludieren. Das ließe sich auch auf Bahnhöfe übertragen: So kann etwa die Wegweisung zu einem bestimmten Bahnsteig mit dem Ziel und der Abfahrtszeit des nächsten Zuges sowie einer Zeitangabe, wie lange der Fußweg dorthin ist, gekoppelt werden.

Informationspunkte mit Umgebungsplan können an stark frequentierten Orten sinnvoll sein [Foto: Daniel Meurer]
Sichtachsen schaffen

Bei Neu- oder Ausbauten ist darauf zu achten, dass Sichtachsen freigehalten werden. Idealerweise sehen Reisende so beim Ausstieg sofort, wo sich der Ausgang befindet. Umherirren auf dem Bahnsteig sollte der Vergangenheit angehören. Von zentralen Orten der Verkehrsstation, etwa der Bahnhofshalle, sollten die Zugänge zu den Bahnsteigen, Ausgänge und wichtige Serviceeinrichtungen sichtbar sein. Ist dies baulich nicht möglich, können ein Beleuchtungskonzept oder die Verwendung unterschiedlicher Bodenmaterialien die Wegeführung verdeutlichen. Am besten ist es, wenn Reisende sich komplett ohne Wegweiser orientieren können. Unterstützt werden kann dies durch die Definition klarer Sichtachsen zwischen Quell- und Zielpunkten innerhalb und im Umfeld einer Verkehrsstation, sodass das Ziel bereits von weitem sichtbar ist. Oftmals sind das direkte Fußwege in das Zentrum einer Stadt oder Zugänge zu öffentlichem Personennahverkehr. 

Definition von Funktionsbereichen

Die Niederländer machen es vor und weisen einem Bahnhof verschiedene Funktionsbereiche zu. Beginnend bei der “Omgevingsdomein”, die die Anbindung an den Stadtraum und Zu- bzw. Abgangsverkehrsmittel umfasst, die „Hoofdontvangstdomein“ als Empfangsbereich für die Reisenden inkl. Bereitstellung verschiedener Serviceeinrichtungen und die eigentliche “Reisdomein”, welche den unmittelbaren Zugang zu den Bahnsteigen und die Bahnsteige selbst umfasst. Alle Zonen werden durch eine „Loopverbindingszone“ miteinander verbunden. Diese wird auch zuerst festgelegt, bevor die übrigen Zonen in Abhängigkeit der Reisendenzahlen und Stationsgröße dimensioniert werden [3]. Auf dem Bahnsteig selbst werden weitere Zonen unterschieden, etwa Bereiche zur Orientierung, Information, für Service und Verkauf, verschiedene Wartezonen und Grünflächen [4]. Die einheitliche Gestaltung auf allen niederländischen Bahnhöfen schafft einen hohen Wiedererkennungswert.

Enge Durchgänge vermeiden

Eigentlich selbstverständlich – Zu- und Abgänge sollten schon alleine aus Sicherheitsgründen ausreichend groß dimensioniert werden. Hindernisse, die den Personenfluss beeinträchtigen, sind zu beseitigen. Darüber hinaus macht eine offene Gestaltung die Verkehrsstation attraktiver oder einladender.

Offene Gestaltung der Bahnhofshalle in Wuppertal Hbf [Foto: Daniel Meurer]
Intuitive Beschilderung

Beschilderung sollte durch entsprechende Anordnung, Farbgestaltung und Verwendung passender Piktogramme intuitiv erfassbar sein. Spannend wird es, wenn verschiedene Beschilderungssysteme aufeinandertreffen, was in Verkehrsstationen zwangsläufig passiert. So verwendet die Bahn andere Wegweisung als etwa der Betreiber des Stadtbahn- oder Busnetzes. Hier gilt es, bei der Gestaltung darauf zu achten, dass keine Verwirrung entsteht und jederzeit klar ist, in welchem „System“ sich die oder der Reisende befindet.

Anforderungen an eine attraktive Verkehrsstation

Blicken wir über die Verbesserung des Fahrgastflusses hinaus, ergeben sich weitere Anforderungen an die Gestaltung von Verkehrsstationen so, dass sie von allen Reisenden gerne genutzt werden.

Direkte Verbindung zwischen verschiedenen Verkehrsträgern ermöglichen und einfache Zugänge schaffen

Ein Umstieg von einem Verkehrsmittel auf ein anderes muss so einfach wie möglich sein. Das gilt für den Umstieg vom Flugzeug in die Bahn genauso wie von der Bahn in den ÖPNV, das im P+R-Parkhaus geparkte Auto, oder ein anderes Last-Mile-Verkehrsmittel. Es muss intuitiv vermittelt werden, welchen Weg die Reisenden zum Umstieg wählen müssen. Idealerweise werden sie dabei kontinuierlich mit Informationen zu seiner Reisekette versorgt. In Wuppertal gibt es direkte Zugänge von den Bussteigen zur Bahnhofshalle, in Utrecht von den Bahnsteigen in ein Fahrradparkhaus oder in Stolberg einen direkten Zugang in ein P+R-Parkhaus.

In Wuppertal Hbf gibt es von jedem Bussteig einen direkten Zugang zur Bahnhofshalle [Foto: Daniel Meurer]
Zugänge optimieren – Trennwirkung zwischen Verkehrsstation und Umgebung minimieren

Oftmals weisen etwa Bahnanlagen eine hohe Trennwirkung auf und eine Querung dieser ist nicht immer möglich. Verkehrsstationen sollten so angelegt werden, dass sie diese Trennwirkung minimieren und einen Durchgang zwischen Stadtteilen schaffen. Zuwegungen sollten so gestaltet sein, dass Reisende die wesentlichen Zielpunkte in der Umgebung der Verkehrsstation erreichen. 

In städtebauliche Struktur einbinden

Verkehrsstationen müssen sich in das Stadtbild einfügen. Jede Umgebung erfordert individuelle Lösungen. So können auch etwaige Widerstände gegen neue Bahnprojekte gebrochen werden, wenn durch neue Infrastruktur eben keine Trennwirkung zwischen Stadtteilen entsteht, sondern die Verkehrsstation ein verbindendes und lebendiges Zentrum darstellt.

Dimensionierung der intermodalen Funktion

Welchen Zu- und Abgangsverkehrsmitteln besondere Priorität einzuräumen ist, ist in Abhängigkeit der Lage der Verkehrsstation festzulegen. Befindet sich die Station bereits im Zentrum, wird der Fußverkehr eine wesentliche Rolle spielen und sollte auch durch entsprechende Wegeführung bevorzugt werden. Sind die maßgeblichen Quell- und Zielorte der Reisenden jedoch vom Bahnhof entfernt, sollten der Radverkehr und öffentliche Verkehr besonders im Fokus stehen [3]. Der Bahnhofsvorplatz von Köln sollte also anders aussehen als der von Aachen oder Limburg Süd.

Auf öffentlichen Raum fokussieren

Nicht nur die verkehrlich-funktionalen Aspekte spielen eine Rolle, auch die Atmosphäre, von der eine Verkehrsstation lebt. Attraktivität schafft Raum für Kommunikation und eine hohe Aufenthaltsqualität. Wir müssen Orte schaffen, an denen sich Menschen gerne aufhalten.

Fußgänger:innen zuerst

Bei der Planung sollten Fußgänger:innen zuerst berücksichtigt werden, gefolgt von Radfahrenden, den Bedürfnissen des öffentlichen Nahverkehrs und dem Kraftfahrzeugverkehr. Lieber ein hübscher Bahnhofsvorplatz, über den man barrierefrei in die Innenstadt gelangt, als ein Parkplatz vor dem Bahnhofseingang oder noch schlimmer – eine mehrstreifige Hauptverkehrsstraße, die erstmal zu überqueren ist.

Immer flexibel bleiben

Neue Entwicklungen und Formen der Mobilität auf der einen Seite und eine potenziell veränderte Verkehrsnachfrage auf der anderen Seite können Anpassungen am Aufbau einer Verkehrsstation erfordern. Das kann etwa eine Neuaufteilung, Neugestaltung oder Erweiterung der Fläche sein. 

Alle Stakeholder mitnehmen

Gerade bei der Gestaltung von Verkehrsstationen und deren Umgebung sind eine Vielzahl von Akteuren betroffen. Das Eisenbahninfrastrukturunternehmen als Eigentümer der Bahnanlagen, Eisenbahnverkehrsunternehmen mit Interesse daran, dass ihre Kund:innen ein tolles Reiseerlebnis haben, Mieter von Geschäften und Gastronomie im Bahnhof, städtische Verkehrsunternehmen als Betreiber von ÖV-Haltestellen und nicht zuletzt die Kommunen in der Verantwortung für die Gestaltung des Bahnhofsumfelds. Umso wichtiger ist es, eine gemeinsame Vision zu entwickeln und einen multidisziplinären Ansatz zu verfolgen, der Aspekte aus der Stadtplanung, Architektur und Verkehrsplanung vereint.

Reisende als Kund:innen der Verkehrsstation sehen

Historisch bedingt besteht eine stärker wahrnehmbare Beziehung zwischen Fahrgast und dem Verkehrsunternehmen und weniger wahrnehmbare zwischen Fahrgast und dem für die Verkehrsstation verantwortlichen Infrastrukturbetreiber – mit der Auswirkung, dass Fahrgast und das Reiseerlebnis oftmals nicht direkt in den Gestaltungsprozess der Verkehrsstation mit einbezogen wurden und werden [1].

Bahnhofsklavier in Wuppertal Hbf – zum Zeitvertreib oder, um den Wartenden ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern [Foto: Daniel Meurer]

Das Reiseerlebnis verbessern!

Kurz und kompakt: acht Anforderungen an eine nachhaltige Verkehrsstation [Eigene Darstellung]

Nachhaltige Mobilität darf kein notwendiges Übel sein. Das Betreten eines Bahnhofs sollte nicht das Gefühl hervorrufen, möglichst schnell da wieder weg zu wollen. Wir müssen das Reiseerlebnis verbessern, Reisende sollen sich gerne an ihre Reise von Tür zu Tür erinnern. Dann brauchen wir auch keine Verbote, sondern wir nutzen freiwillig die beste Reiseoption – mehr Pull als Push. Gerade nach der Corona-Zeit bietet es sich an, darüber einmal nachzudenken. Nutzen wir diese Chance für mehr Innovation!

So bitte nicht: Hoher Informationsgehalt in Amsterdam Centraal [Foto: Daniel Meurer]

Quellen

[1] Harrison, A.: Principles of Experience Design for Airport Terminals. Online abgerufen am 05.10.2021: https://eprints.qut.edu.au/83947/1/Anna_Harrison_Thesis.pdf
[2] Van Hagen, M.; Van Oort, N.: Improving railway passengers experience: two perspectives. Online abgerufen am 05.10.2021: https://nielsvanoort.weblog.tudelft.nl/files/2018/06/Van-Hagen-Van-Oort-CASPT-Final-paper-2.pdf 
[3] Bureau Spoor­bouwmeester: Het Stationsconcept. Visie en toepassing. Online abgerufen am 05.10.2021: https://www.spoorbeeld.nl/sites/default/files/issuu/BSM-20120930-website%20beleid_het%20stationsconcept-DEF.pdf 

[4] Bureau Spoor­bouwmeester: Visie op stationsoutillage. Online abgerufen am 05.10.2021: Visie_op_stationsoutillage_20110324def.pdf (spoorbeeld.nl)

3 Kommentare zu „Was macht gute Mobility Hubs aus?“

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